Aus diesem Stoff sind Romane gemacht

Kenia

Rätselhafte Faustkeilfabrik Olorgesailie

Warum stellten unsere Vorfahren in Kenia über eine Million Jahre hinweg an ein und derselben Stelle massenhaft Faustkeile her und ließen sie dort einfach liegen?
Olorgesaille nennt sich eine unwirtliche Gegend in der Nähe der kenianischen Ngong-Berge. Auf dem ungefähr vier Hektar umfassenden Gelände machte der Geologe J.W Gregory im Jahr 1919 eine merkwürdige Entdeckung: Der Boden dort war übersät mit abertausenden von Steinwerkzeugen, die von frühen Vorfahren des Homo Sapiens, dem Homo Erectus, hergestellt worden waren. Wie kamen sie dort hin und warum waren es so viele?

Aceuleén Steine – Das Schweizer Taschenmesser des Homo Erectus – Geschichte und Verbreitung der Faustkeile

Dieses Steinwerkzeug wurde vor ca. 1,5 Millionen Jahren vom Homo Erectus (etwas früher auch schon von anderen Hominidenarten), dem Vorgänger des Homo Sapiens in Afrika entwickelt. Es handelte sich um tropfenförmige Faustkeile. Sie wurden hergestellt, indem ein Stein mit einem anderen bearbeitet wurde. Sie lösten damit die vorher gebräuchlichen Oldowan-Werkzeuge ab. Diese waren kaum bearbeitet, stumpf und nicht größer als eine Hand.
Die Acheuleén-Steine selbst waren das wohlaugenfälligste Produkt der sogenannten Acheuleén-Kultur, jedoch wurden die bei ihrer Herstellung anfallenden Abfälle ihrerseits zu Werkzeugen mit speziellen Funktionen verarbeitet. So wurden aus scharfkantigen Abplatzungen zum Beispiel durch weitere Bearbeitung Werkzeuge hergestellt, die als Schaber und zu anderen Zwecken verwendet wurden.
Die Acheuleen-Steine wurden nach dem Ort benannt, in dessen Nähe sie erstmals gefunden wurden. Es war der kleine Ort St. Acheul in Frankreich. Die aus Afrika ausgewanderten Vertreter des Homo Erectus hatten ihre Werkzeuge nach Europa mitgebracht. Die in Frankreich gefundenen Faustkeile stammen aus der Zeit von vor 600.00 Jahren, wohingegen die Faustkeilproduktion in Kenia nachweislich bereits vor 1,5 Millionen Jahren begonnen hatte. Nur dem Umstand der früheren Entdeckung ist es zuzuschreiben, dass St. Acheul der Namenspate für eine ganze Kulturepoche wurde und nicht Olorgesaille.
Die Verbreitung dieser frühen Technologie stellte die Wissenschaft lange Zeit vor einige Rätsel, denn obwohl Die Vormenschen im Zuge ihrer Wanderungen bis weit nach Asien vorgedrungen waren, fanden sich lange keine entsprechenden Funde ihrer Werkzeuge in diesen Regionen. Die sogenannte Movius-Linie stellte eine rätselhafte Grenze dar. In ganz Afrika, in Europa bis nach Indien waren Acheuleén-Werkzeuge nachweisbar. Östlich einer durch Indien verlaufenden Grenze jedoch schien es diese Werkzeuge überhaupt nicht zu geben.
Mittlerweile ist dieses Rätsel allerdings teilweise gelöst, da man schließlich doch noch Acheuleén-Steine jenseits dieser Grenze finden konnte. Sowohl in China, als auch auf den Philippinen wurden sie nachgewiesen. Bleibt noch zu klären, warum sie dagegen auf Java immer noch nicht nachgewiesen werden konnten, obwohl ihre Schöpfer auch dort siedelten. Faustkeile primitiverer Machart hat man dort gefunden, jedoch nicht die höher entwickelten Acheuleén-Werkzeuge, die dem Homo Erectus zu dieser Zeit bereits lange zur Verfügung standen.

Faustkeile in der Massenproduktion – Wozu diente die gigantische Überproduktion?

Der Wissenschaft ist vieles gelungen: Sie hat die Acheuleén-Kultur entdeckt, sie zielsicher unserem Vorfahren Homo Erectus zugeordnet, hat die Wanderbewegungen dieser frühen Hominidenart rekonstruiert und sogar das Alter der vom ihm hinterlassenden Artefakte sicher bestimmt.
Eine Frage jedoch scheint sie nicht schlüssig beantworten zu können: Was veranlasste Homo Erectus dazu, an ein und demselben Ort über einen Zeitraum von einer Million Jahre anscheinend nichts anderes zu tun, als massenhaft Faustkeile herzustellen? Warum liegen die Zeugnisse dieser Massenproduktion auch heute noch frei und vollkommen verstreut auf dem Areal, auf dem sie einst hergestellt wurden? Wozu, um alles in der Welt sollten unsere Vorfahren all diese Faustkeile gebraucht haben?

Diese Überlegung war die Grundlage für meinen Fantasy-Roman „Der Centerer“. Ich habe mich gefragt, was aus den Nachfahren dieser Steineklopfer geworden ist und ob ihre große Produktivität nicht vielleicht völlig abseitige Gründe gehabt haben könnte. Sicher: Das sind keine wissenschaftlichen Überlegungen, aber glauben Sie mir: Zur Entwicklung eines Fantasy-Plots war diese Frage eine herrliche Spielwiese.
Vielleicht müssen wir aber einfach davon ausgehen, dass es eine Art Hobby war. Es scheint eine absurde Vorstellung zu sein, unseren aufs nackte Überleben konzentrierten Vorfahren solche scheinbar sinnfreien Freizeitbeschäftigungen zuzutrauen, doch warum eigentlich nicht? Wenn ihr Gehirn dem unseren ähnelte, wäre es doch gar nicht verwunderlich, wenn Homo Erectus bei der Ausführung einer Tätigkeit, die er gut beherrschte, Freude und Genugtuung empfunden hätte.
Vielleicht verstand er die Produktion seiner Faustkeile auch als Ausdruck seiner kulturellen Identität.
Vieles ist denkbar und beweisbar ist letztlich nichts, wenn es darum geht, die Beweggründe unserer Vorfahren für ihr Handeln zu ergründen. Die Wissenschaft ist zwar stets gut darin, Fragen nach dem wie und wann zu beantworten, nicht jedoch darin, schlüssig das Warum zu begründen

Kommentare (2) Schreibe einen Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.



*